shot AG „atomENGEL“
Kein Engel himmelwärts. Die neue Arbeit der shot AG, eine erste und vielversprechende Koproduktion mit dem Staatsschauspiel Dresden, thematisiert ihren eigenen Worten zufolge stattdessen „persönlichkeitsstrukturelle und gesellschaftlich relevante Erscheinungsformen von Ambivalenz“. Diese Zwiespältigkeit, diese Zwitterhaftigkeit, von der Balzac in „Séraphita“ so beispielhaft erzählt, ist auf „normale“ Weise so wenig zu fassen, wie das Geschlecht der Engel ein gut gehütetes Geheimnis bleibt.
Wenn im Kleinen Haus der Dresdner Neustadt „atomENGEL“ aus dem Dunkel treten, dann keine, die wie Seraphim ihre Schwingen schamhaft über ihre Blößen decken. In der Hocke hoppelnd, haben die Kreaturen von Nora Schott und Ariane Thalheim eher etwas Kafkaeskes, denn wenn eine von ihnen auf den Rücken fällt, denkt man an seinen „Käfer“. Die Stücke der beiden sind schon immer etwas spezieller gewesen, auch das jüngste Opus macht da keine Ausnahme. Die Haare punkhaft hochtoupiert, das Fell gleichsam übers Kostüm gezogen, ähneln die vier Gestalten anfangs grotesken Riesenraupen, die sich irgendwann tatsächlich häuten. „Jedes Teilchen ein Zelt“, heißt es zwischendurch, und: „Die Augen schlafen weit geöffnet“.
Auch der Tanz folgt seinem eigenen Gesetz, gesteuert nur von der Originalmusik des Johannes Beere. Nicht papierne Konzepte werden in „atomENGEL“ penibel umgesetzt. Die Elementarteilchen der Ein-Stunden-Choreografie ordnen sich immer wieder neu. Jedesmal überrascht die Konsequenz, mit der die shot AG ihr Bewegungsprogramm verkörpert. Nichts ist dem Zufall überlassen, nichts verspielt. Und wenn steckt dahinter eine Absicht, die sich erst am Ende schlüssig zu erkennen gibt.Als würden Energieströme fließen, so berühren sich die Finger von Maasa Sakano, Anne Schauer, Ariane Thalheim und Dennis Dietrich wie in einem Ritual. Die vier leisten es sich zwischendurch auch, den Tanz ohne jede Bewegung einfach stehen zu lassen, während die Musik auf ihren Höhepunkt zusteuert: ein Kraftakt.
Auch in dieser Hinsicht ist sich die shot AG treu geblieben – wie überhaupt in ihrem Bemühen, sich nicht an irgendwelchen Mainstream-Modellen zu orientieren, sondern allen (finanziellen) Widerständen zum Trotz unbeirrt den eigenen Weg zu gehen.Schon darum ist „atomENGEL“ ein Erfolg. In einer Stadt, deren Festival TANZherbst mit 30 000 Euro unterfinanziert ist und deshalb 2007 zum letzten Mal stattfand, und in der ansonsten ein William Forsythe die Ästhetik des Tanzes bestimmt, will das was heißen.Hartmut Regitz
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