Rezension: banq.de / t.d. [30.4.06]

Im Rahmen der Tanzwoche präsentierte die Dresdner shot AG ihre neuste Produktion “Sieht ein Pfirsich eine Rakete stehen”. Mit der Besetzung von Ariane Thalheim und Teresa Hackel als Tänzerinnen, scheint sich seit der letzten Produktion “Schieß nicht auf fremde Röckchen” eine neue konstruktive und qualitative Konstellation anzubahnen. Ein ziemlich prägnanter Titel, den sich die Mädels da haben einfallen lassen. Ich brauche sicher nicht zu kommentieren, worauf peaches and rokets verweisen. So bot die shot AG in mehreren Szenen verschiedene Sichtweisen auf die so brisante Beziehung zwischen dem weiblichen und männlichen Geschlecht bzw. zwischen ihren idealisierten und stellenweise auch beiderseitig gewünschten Rollenbildern. Dabei fragt die shot AG mit ihrem Stück nach dem Schein, dem Glamour der Verheisung geschlechtsspezifischer Parameter durch konstruierte, marketing-strategisch-gepuschte Identitäten sowie idealisierte Frauen- und Männer-Bilder und im Kontrast dazu der alltägliche Umgang. Unsere Wahrnehmung von Welt und somit auch des anderen Geschlechts, ist in heutiger Zeit durch und durch von den massen-
medialen Strukturen und Strategien geprägt. Sprich, die Frage nach der Satisfaktion erscheint immer mehr im Spiegel einer medial vermittelten Wirklichkeit und im Kontrast eines persönlichen Bedürfnisses. Eine klare Unterscheidung ist wohl nicht möglich, so dass sich Beziehungen immer mehr und absehbarer durch fraktale Identitätskonstrukte bilden. Oh yeah, Baby! Ein repetiver Lichtintervall, sei es über Scheinwerfer, einzelne Lichtstäbe oder Feuerzeug, zieht sich dominant durch das Stück, der nur bruchstückhaft eine kontinuierliche Beobachtung der Bewegungsabläufe und somit nur Fragmente, Momente, Frames wahrnehmen lies. Die Musik kam diesmal nicht aus der Konserve, sondern wurde von Spencer in seiner Rolle als DJ bzw. stellenweise auch Rakete, ordentlich zum Stück gemixt.

Neben bekannten Bewegungsfiguren und Thematiken wie manipulative Fernsteuerungen oder repetiver loophafter Übertreibung, die man mittlerweile aus älteren shot-Stücken kennt, gab es wieder lustige Bewegungsbilder, die
allerdings auch nicht ohne immensen Kraftaufwand seitens der Tänzerinnen funktionieren würden. Völlig überdrehte
“Babies on Fire” (Superpitcher) brechen durch das von außen gesteuerte Pitching (Rakete/DJ) zusammen. Sehr schön fand ich auch die eigentlich selbstreferentielle (auf das Frauenbild bezogen) plakative Darstellung der Showroom Dummies. Passend zum Text von Kraftwerk wurden einzelne Körperbilder aufgebaut. Es ist doch nicht immer so, das wir Männer kleine dumme Blondchen erleben wollen, nein, ich glaube, das da ein gewisses weibliches Lebensgefühl mitschwingt, wenn man Elefanten-like selbstvergessen durch einen Porzellanladen rennt und so geordnete Welten durcheinander bringt. Hey, das ist eine Macht. Oder das Captain Future – Theme: in meinen Augen eine der verspieltesten und auch einfachsten Szenen des Stückes.
Die ständige Wiederholung des Soundtrack-Themas bot den Tänzerinnen immer wieder neue Möglichkeiten die
Rakete (symbolisiert durch die Superman-im-Flug-Pose) auf unterschiedlichste Weise starten bzw. durch die Lüfte fliegen zu lassen. Feste Entschlossenheit, mit der Faust nach vorn, ging’s kreisend mit hohem Speed durch die Lüfte.
Oh Superman! (Laurie Anderson) Frauen erzählen gerne von ihren Dates mit Männern, was sie erlebt haben, wie romantisch sie sich geküsst haben, etc. So scheinen sie am glücklichsten, wenn sich ihr eigenes Wunschbild einer Rakete erfüllt. Oder stellt sich hier die Frage nach dem Glanz der Oberfläche, die sich nach einer intimen Bekanntschaft als leere Luft entpuppt. Hingebungsvoll träumerisch schieben die beiden Tänzerinnen den schon statuenhaft wirkenden DJ auf einem Rollbrett mit Hawaii-Sound durch den Raum. Die Maskerade von Männlichkeit hält einen Korb voller mechanical gadgets in der Hand, wovon sich beide Tänzerinnen bedienen. Was folgt ist ein Spiel der Auto-
Stimulation. Andeutungsweise hoppelt da ein Häschen oder eine Rakete um die weibliche Scham. Obwohl mir hier nicht deutlich wurde, ob damit die besagte Ersatzbefriedigung gemeint war oder das männliche Geschlecht symbolisch auf ein ständig williges Tier reduziert wurde, welches den Fallen der femme fatale nicht widerstehen kann.
Wenn Pfirsiche vor stolzen aufsteigenden Raketen umfallen, war auch hier für mich die Frage, ob es eine Ohnmacht der Faszination seitens der Pfirsiche für eine stolze Rakete war oder eher doch eine gewalttätige Heidenröslein- Situation:

Sah ein Knab ein Röslein steh’n … Und der wilde Knabe brach’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt es eben leiden.

Dieses Spiel mit den Zweideutigkeiten erfordert eine persönliche Entscheidung für die jeweilige Interpretation, die wiederum geschlechtsspezifisch ausfällt, oder?
Also, im gesamten eine erfrischende Vorstellung, in der es auch Spaß macht, sich zeitgenössischen Tanz anzusehen, aber wie gesagt, im shot AG Stil! Ein wenig Crazyness wird da schon vorausgesetzt.

shotAG