Rezension: Last der unbändigen Schatten – Norbert Seidel / DNN 25.04.2005

Jetzt wird es spannend, denn bei der shot AG, bestehend aus Nora Schott und Ariane Thalheim sind die Sicherungen mal so richtig durchgebrannt. War das vor längerer Zeit im TIF aufgeführte “Most” noch als Tendenz zu verbuchen, so haben sich die beiden für “soft gum – slow gun”, das zur Tanzwoche in der Scheune uraufgeführt wurde, anscheinend von vielen Formalien und Standards verabschiedet, die ihnen den Beifall von den meisten Seiten garantierten, aber immer auch in gewisser Weise etwas hinderlich schienen, eben jenes “Meiste” rundum rauszulassen.

Im schmalen, aber hektischen Spotlightgeflunker stürzen die beiden unkoordiniert und kaum zu erkennen durch den dunklen Raum, den fette und ausgemacht coole Beats drücken. Die großen, weißen Boots, mit denen dieses Stück eröffnungshalber eingestampft wird, sollten sich die beiden Damen am besten von Run DMC signieren lassen. Nachdem sich der erste Sturm gelegt hat, schlüpfen die beiden in Schlafsäcke, die sie wie große, nachtaktive Würmer aussehen lassen, denn diese beiden aufgebrachten Seelen ruhen nie, erst recht nicht, wenn es dunkel wird, Ekstase und unstillbare Sehnsucht verlangen ihren Tribut, immer am Limit, auch am Boden, es wird gerobbt, geschoben, gezogen und gerockt, später machen sie das Bild der überdrehten Nachtgestalten plakativ und hängen wie Fledertiere im Netz an der Wand. Das ist mehr als Tanz, als Körpertheater, das ist mehr als alles. In güldenen Discostiefeln verwandeln sich die flattrigen Grazien in knappen, schwarzen Kleidern in ferngesteuerte VIP-Schlampen, bringen auf erfrischend komische Weise im Erdenrund gesammelte coole Pop-Posen in die Verlegenheit, wie lächerliche, künstliche Phrasen auszusehen, in die man sich zwecks Überlebens in einer Partygesellschaft rettet. Auf ihren Schultern liegt indes das Gewicht der ganzen Welt, ohne dass man es sehen könnte, sie schlenkern es sich vom Leib, mal mit Standards, mal als willenlose Puppen, getrieben vom Tanz, reduziert auf Rudimentäres, bis der nächste Ausbruch kommt – ein Übergang, der in dem facettenreichen, unordentlichen Gestöber nahtlos gelingt, und der Tanz hört nicht auf.

Er ist das Lebenselexier: “Geschützt durch Kopfhörer. Gesichert durch slow gun. Dinge transportieren, als Schatten, soft gum.” Absolut perfektioniert ist hier nicht nur die Kunst der losen, aber großartigen Choreographie (Schott/ Thalheim) und Dramaturgie (Petra Steinert), vor allem die musikalische Gestaltung (Peter A.) befindet sich in idealer Korrespondenz mit den Bewegungsepisoden; schwere Beats überlagern Disco-Samples und erzählen parallel zum Stück vom Wühlen in der Reizüberflutung, vom ewigen Abstoßen und Anziehen emotionaler wie physischer Pole. Stürmisches, zeitgemäßes Neuland, absolut fesselnd!

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