Zwingende Dynamik

SZ / 29. Oktober 2007 / Gabriele Gorgas

Mit der Uraufführung „atomENGEL“ zeigen die Dresdner Choreografen von „shot AG“ wirklich Gutes im Kleinen Haus.

Dass sich das Kleine Haus vom Staatsschauspiel Dresden immer wieder auch für Tanz öffnet, ist eine erfreuliche Tatsache. Zumal das rekonstruierte Theater viele Möglichkeiten der Bühnenverwandlung bietet, Tanzproduktionen und –improvisationen permanent zum „Neubau“-Programm gehören. Als Koproduktion gab es am Wochenende das uraufgeführte Stück „atomENGEL“ der Dresdner Choreografen Nora Schott und Ariane Thalheim. Das Premierenpublikum reagierte mit viel Sympathie und starkem Applaus auf die neue Inszenierung der „shot AG“.

Unaufgeregte Tanzsprache

Nicht jeder wird sich mit der alles andere als gefälligen, doch auch nicht vordergründig revoltierenden Arbeit der beiden jungen Tänzerinnen und Choreografinnen unbedingt schon in den ersten fünf Minuten anfreunden können. Und selbst für damit Vertraute braucht es wohl einige Zeit, um sich in das scheinbare Nicht-Geschehen einzusehen. Man sucht nach Greifbarem, will im steten Fluss der Bewegung mitdenken, wähnt sich trotz Bühne und Ausstattung (Petra Schlüter-Wilke) wie in einer Probensituation.

Doch schon bald lassen sich in den eher ruhigen Abläufen Variationen, Irritationen entdecken, ist herauszufinden, dass die Art der quasi unaufgeregten Tanzsprache ein Teil des Weges ist, wie mit spürbarer Konsequenz und Energie Bewegungsräume auf- und ausgebaut werden, sich die vier Tanzdarsteller darin einrichten, Rituale zelebrieren, Formen von Zuordnungen, Gruppierungen testen, Teilchen wie auch Ganzes sind und die fiktiven Räume wieder zerstören.

Schließlich setzt ein gnadenlos vorantreibendes , sich ständig steigerndes langes Finale ein, das auf seine Weise den Sog von modernen Klassikern wie „Bolero“ und „Le Sacre du printemps“ besitzt, allerdings ganz ohne Beihilfe der suggestiven Musik von Maurice Ravel und Igor Strawinsky. In dieser Inszenierung treibt die zwingend-verknappte Bewegung in eigener Dynamik das Geschehen voran, eingebettet in die Komposition von Johannes Beere. Gerade dieses unbedingt Funktionierende – im steten Wechsel, Aufbruch, in Isolierung, Verletzung – prägt sich ein, schafft Raum für Assoziationen. Da erscheint der thematisierende Titel fast unnötig. Ein enormer Kraftakt ist das für die vier Tanzdarsteller, mit Ariane Thalheim und Dennis Dietrich (jetzt in Berlin), ausgebildet an der Palucca Schule Dresden, sowie Anne Schauer, Tanzabsolventin aus Köln, und Maasa Sakano aus Berlin. Da spürt man genau, dass nicht nur die Choreografie konsequent aufgebaut, sondern auch der Weg dahin hart erarbeitet ist. Bemerkenswert: Die individuellen Besonderheiten der Darsteller bleiben dabei deutlich erhalten.

Projekt im Überlebenskampf

Nach „Schieß nicht auf fremde Röckchen“ im vergangenen Jahr im Kleinen Haus nun also ein guter „atomENGEL“. Ein so durchdachtes, in sich stimmiges Projekt erfordert viel Zeit. Das ist im Überlebenskampf der freien Tanzszene schwer zu realisieren und braucht auch unbedingt finanzielle Unterstützung, wie sie von der Kulturstiftung des Freistaates, der Tenza-Schmiede und der Scheune Dresden gewährt wurde. Warum allerdings die Stadt Dresden, die der vor fünf Jahren gegründeten „shot AG“ im Frühjahr den Kunstförderpreis zuerkannte und anhaltende Aufmerksamkeit signalisierte, nun nicht weiter Helfende genannt werden kann, bleibt ein Rätsel.

Gabriele Gorgas

downloadRezension SZ

Post a Comment

Dein Name
Deine Nachricht

shotAG